Das Dreiländereck ist um eine Attraktion ärmer

Adieu Formel Eins am Hockenheimring – Trauer bei der Fangemeinde in der Region

Trauer bei der Formel Eins-Fangemeinde in der Region. Einst war Hockenheim die Pilgerstätte für die vielen Formel Eins-Interessierten aus dem Grossraum Basel und aus der ganzen Schweiz. Nun muss man weiter reisen, um den besonderen Motorensound und die F1-Rennatmosphäre hautnah zu erleben.

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(Bild: Fotolia) Für dieses Vergnügen, die Formel Eins ganz nah von der Tribüne aus zu verfolgen, müssen Fans aus dem Dreiländereck nunmehr weiter reisen als bisher.

Es war einst für viele Jahrzehnte die grosse Pilgerstätte der hiesigen Formel Eins-Fans. In nur drei Stunden war man von Basel aus über die A35 Autobahn im «Mekka der Rennsportfans» des Dreiländerecks. Mit dem  Hockenheimring verbinden viele Rennsport-Interessierte ab 40Plus noch lebhafte Erinnerungen an die Blütezeit des Formel Eins-Sports in Europa. Über 70’000 Menschen im Motodrom und nochmals viele Tausend ausserhalb schnupperten die besondere F1-Luft. Doch dieses Business verlagert sich seit einem Jahrzehnt immer mehr in andere Regionen der Welt. Asien, der ferne Osten im Besonderen und der arabische Raum sind die neuen Destinationen. Wie in vielen anderen Sportarten auch, bestimmen nun andere Parameter als etwa die Fangemeinde oder die Verbundenheit einer Region mit dem Sport, wo und wann ein Event dieser Grössenordnung stattfindet. Nur noch wenige der «traditionellen Rennstrecken» können im neuen Wettbewerb um die Ausrichtung der Formel Eins-Events mithalten. In Europa sind dies Monza, Monaco, Budapest oder auch Barcelona, in Nordamerika ist es Montreal. Bis jetzt war Hockenheim «gesetzt» als eine der «mythischen Strecken», doch nun lief Ende Juli 2018 der zehnjährige Vertrag aus. Dieser wurde noch mit dem legendären F1-Patron Bernie Ecclestone geschlossen. Ein Mann der alten Schule, der das Formel Eins-Imperium in den 80er Jahren bis vor einigen Jahren aufbaute, als in Europa das Macht-Epizentrum der Formel Eins lag.

FIA visiert andere Zielgruppen und -Märkte an
Man kann die Situation fast mit dem Fussball vergleichen: Die Nähe zu den «echten Fans» geht langsam verloren. Die VIP- und «Modefans» werden nun angesprochen. Sei es mittels Preispolitik oder auch ganz einfach mit der Wahl der Standorte und der Art und Weise, wie die neuen Strecken gebaut sind. Glücklicherweise gibt es noch die traditionellen Rennstrecken nahe beim Publikum wie  jene in Hockenheim oder die Stadtkurse wie in Monte Carlo/Monaco oder in gewissem Sinne auch jener in Montreal. Man versucht beispielsweise in Singapur mit einem Stadtkurs die Fans zu begeistern, aber es wird eine andere F1-Fankultur in Fernost gelebt als im «alten Europa».

Im legendären Hockenheim-Motodrom ist das Publikum ganz nah am Kurs. Doch die Antrittsgage in zweistelliger Millionenhöhe ist nun auch für die Veranstalter in Südbaden kaum mehr zu stemmen. Darüber hinaus zählen jetzt ja andere Parameter in der Vermarktung eines Formel Eins-Weekends als zum Beispiel «nur» das Interesse des Publikums. Die Formel Eins – genau genommen der Dachverband FIA – visiert reichweitenintensive Zukunftsmärkte an, in welchem jede/r Einzelne potenzielle Besucher/in im Motodrom auch bereit ist, mehr auszugeben.

Schade für die vielen F1-Fans in der Region
Nun fehlt der Auto-verrückten und Formel Eins-interessierten Nation Deutschland erstmals seit Jahrzehnten ein F1-Event. Auch, weil der Support von Politik und Industrie nicht genügend gegeben ist. Dazu kommt, dass der insolvente Nürburgring schon 2015 und 2017 trotz Vertrag kein Rennen mehr durchführte. Dass Traditionsrennen wie Hockenheim verschwinden, erzeugt im Fahrerlager Wehmut. F1 Superstar Sebastien Vettel sagte beispielsweise: «Wenn man ins Motodrom kommt, dann kribbelt es.» Ein Kribbeln, wie es in Abu Dhabi oder Bahrain fehlt. Aber dort stimmt die Kasse. Und die scheint für die Entscheidungsträger der Formel 1 das wegweisende Kriterium zu sein. Dies wird auch seit vielen Jahren von den vielen Basler Sportreise-Anbietern moniert. Mit den traditionellen Formel Eins-Destinationen (im Speziellen Hockenheim, Monza und Monaco) liessen sich die Leute für einen Ein- bis Dreitage-Trip, der auch preislich im grünen Bereich lag, gerne begeistern.

JoW

Kein finanzielles Harakiri

Der Hockenheimring-Chef hatte die Nase im Poker um die Zukunft der Formel 1 satt: «Wir werden nicht draufzahlen», sagte Georg Seiler der Presse. Er wolle keinen Vertrag unterschreiben, der ein wirtschaftliches Risiko beinhaltet.

Für eine Strecke wie Hockenheim, die im Gegensatz zur Konkurrenz keine Gelder vom Staat erhält, sind die von der FIA geforderten Summen, damit man als Ausrichter berücksichtigt werden kann, nicht mehr refinanzierbar. Selbst nicht mit einem riesigen Fanaufmarsch von gegen 100’000 und einer hohen Wertschöpfung für die Rennstrecke und die Region an einem F1-Wochenende.

Der neue Eigner der Formel Eins – Liberty Media – hatten einst versprochen, dass man die Traditionsstrecken fördern wird. Aber seit Bahrain, Singapur, Abu Dhabi und nun neu Miami, Hanoi oder auch Buenos Aires in die Königsklasse drängen und dafür fast jeden Preis zahlen würden, hat offenbar die Spielregeln geändert. Ein Trauerspiel für die Formel Eins Fans aus dem Dreiländereck. Denn allein aus unserer Region kamen jeweils an die 5000–10’000 nach Hockenheim. Aber auch aus anderen Ländern: Allein Max Verstappen lockt rund 10’000 Niederländer an, die sogar einen eigenen «Oranje-Block» erhalten.

Der F1-Eigner Liberty Media hat die Vermarktungshoheit. Und dieser ist nun mal daran interessiert, mit der Formel 1 so viel Geld wie nur möglich zu verdienen. Das Paradoxe daran: Die Teams mit ihren hohen Etats in diesem kostenintensiven Sport profitieren davon ebenfalls, denn ihre Einkünfte speisen sich auch aus dieser Quelle. Und dennoch schwingt bei vielen traditionellen Teams (Ferrari, Mercedes, Williams etc.) Wehmut mit. Aber Tradition und Moderne lassen sich hier vorerst nicht verknüpfen.

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